Internationaler Verein  "Aufklärung und Koran"   

 

Gelingensbedingungen e. demokr. Rechtsstaates

(n. Prof. A. Uhle, TU Dresden, Abt. Religion & Staat) - Tiefe 0

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achdem Jahrhundertelang das Christentum die vorrangig prägende Macht in Europa war, sind allein schon dadurch bei den Bürgern eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen herausgebildet worden, die – egal, ob das Christentum heute noch bejaht wird oder innerlich bereits verlassen ist—eine optimale Voraussetzung für das Gelingen eines Verfassungsstaataes amerikanisch-europäischer Prägung sind.

Erstens hat sich die vom Alten Testament her gegebene Auffassung (Genesis), dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, als sehr wichtig erwiesen. An anderer Stelle im Alten Testament (den Psalmen) heißt es, dieses „positive Menschenbild“ noch steigernd, dass er den Menschen kaum weniger mächtig gemacht hat als Gott.

Wie anders ist demgegenüber das Menschenbild im Koran, in dem es heißt: “Keiner in den Himmeln und auf Erden darf sich dem Erbarmer anders nahen als als Diener.“ (Sure 19, Vers 93)

Zweitens ist eine wichtige Voraussetzung, dass sich die christlich geprägten Gesellschaften seit mehr als tausend Jahren daran gewöhnt haben, dass es nicht die eine einzige Gewalt gibt, die geistliche nämlich, der das Recht zu herrschen auf Erden zusteht, sondern dass hier mindestens zwei Gewalten gleichen Rechts bestehen. Ein wichtiges Element in dieser Hinsicht war der Investitur-Streit um die erste Jahrtausendwende. Kaiser und Papst stritten darum, wer das entscheidende Wort zu sprechen hatte, bei der Neubesetzung der Herrschaft z. b. eines Fürstbischoffs. Erzwungen durch die wechselvollen Ergebnisse dieses Streits gewöhnten sich die Gesellschaften daran, dass auch der weltliche Teilhaber an diesem Kampf ein legitimer Rechtsinhaber war; dass der “dictatus papae“ in weltlichen Dingen nur sehr eingeschränkt gilt.

Wie anders wirkte sich dagegen die 400-jährige Personal-Union zwischen Kalifat und Sultanat aus, die im osmanischen Reich von 1517 bis 1923 geherrscht hatte.

Die Gewöhnung an zwei getrennte, oft gegensätzlich agierende Gewalten, stellte in Europa die Voraussetzung der Akzeptanz der späteren drei Gewalten dar, die sich zuerst in der amerikanischen Verfassung von 1783 konkretisierte. Ihr war als Weltneuheit von den Verfassungsvätern (founding fathers) schon ein Regelwerk der gegenseitigen “Checks and Balances mitgegeben.“ Ab diesem Datum wurde einer totalen Eigenständigkeit weltlicher Mächte der Boden bereitet, die in der islamischen Welt – mit Ausnahme der 15-jährigen Herrschaft Atatürks in der Türkei (1922 bis 1937) — nie zur Geltung kam.

Die Religion “Islam“ hat gegenüber ihren Gläubigen nie und nirgendwo auf den weltlichen Machtanspruch verzichtet.

Drittens ist die persönliche unternehmerische Aktivität auf dem Boden des Christentums jahrhundertelang sehr gut gediehen. Der Soziologe Max Weber hat dies Anfang des 20-igsten Jahrhunderts für den reformierten Protestantismus der Calvinisten im Detail herausgearbeitet. Es ist aber auch ein über den Calvinismus hinausgehender allgemeiner Bestandteil christlichen Denkens – wenn auch weniger stark als in dem im Prädestinationsdenken schwerpunktmäßig verorteten Calvinismus –dass sich jenseitige Erwählung zum Paradies ansatzweise schon durch ein gelingendes Leben im Diesseits zeigt.


 

Unterkirche (links, Querhaus) von P. Lorenzetti (Maler) in Assisi
Quelle: ‚Assisi‘ (1978, plurigraf Verlag)

 


 

Diese Auffassung aber stellte einen enormen Ansporn dar, dann auch ein solches zu führen.
Dem steht der Fatalismus der islamisch geprägten Welt entgegen. “Allah erwählt, wen er will.“ Der Mensch kann daran wenig verändern. Es gilt, das Kismet (das vorher bestimmte Schicksal; quismah = zugeteiltes) hinzunehmen.

Professor Uhle sah in seinem Gastbeitrag zur FAZ vom Januar 2016 u. a. diese drei Gelingensbedingungen für einen modernen Rechtsstaat als notwendig an. Er glaubte aber wohl auch, dass diese Voraussetzungen nicht nur durch eine christliche Vorprägung sondern auch durch eine klug geführte, der Aufklärung zugeordnete Debatte zu erzielen ist.

Nach dem Gastbeitrag für die FAZ, Januar 2016: „Der Verfassungsstaat ….unser Lebenselixier“ von Professor Arndt Uhle, Leiter der Abteilung Recht und Religion der TU Dresden.