Internationaler Verein  "Aufklärung und Koran"   

 

Die Suren in ihrer zeitlichen Reihenfolge

6 348 Verse in 114 Suren | (Zweite Tiefe)

D

en Durchbruch in der Erforschung des Koran bezüglich seiner zeitlichen Entstehung gelang um 1860 herum einer Forschergruppe um den deutschen Arabisten und Orientologen Theodor Noeldeke.
Er ordnete die Texte ein nach Stil, Themen, Herabsendungsanlässen und kam zu einer ersten sehr detaillierten Ordnung:

Vier Perioden der insgesamt 114 Suren in der zeitlichen Reihenfolge ihrer “Herabsendung“ nach Theodor Noeldeke 1860, vom 27. Ramadan 610 n. C. bis zum Jahr 632 n. C., dem Todesjahr Mohameds

A Mekka

1. – 5. Jahr
96 / 74 / 111 / 106 / 108 / 104 / 107 / 102 / 105 / 92 / 90 / 94 /
93 / 97 / 86 / 91 / 80 / 68 / 87 / 95 / 103 / 85 / 73 / 101 /
99 / 82 / 81 / 53 / 84 / 100 / 79 / 77 / 78 / 88 / 89 / 75 /
83 / 69 / 51 / 52 / 56 / 70 / 55 / 112 / 109 / 113 / 114

5. – 6. Jahr
54 / 37 / 71 / 76 / 44 / 50 / 20 / 26 / 15 / 19 / 38 / 36 / 43 /
72 / 67 / 23 / 21 / 25 / 17 / 27 / 18

7. Jahr bis Flucht am 16. Juni 622
32 / 41 / 45 / 16 / 30 / 11 / 14 / 12 / 40 / 28 / 39 / 29 / 31
42 / 10 / 34 / 35 / 7 / 46 / 6 / 13

B-Medina, 622-632 n.Chr., 0-10 n.H.
2 / 98 / 64 / 8 / 47 / 3 / 61 / 57 / 4 / 65 / 59 / 33 /
63 / 24 / 58 / 22 / 48 / 66 / 60 / 110 / 49 / 9 / 5

In einer blockmäßigen und durch Angabe von Versanzahl und Veröffentlichungsanzahl noch aussagefähigeren Umstellung, die die spätere Arbeit von Friedrich Schwally, einem Schüler von Theodor Noeldeke und späteren deutschen Orientalistikprofessor in Gießen und Königsberg, aufnimmt, ergeben sich eine Reihe von Änderungen:

Die sehr bezeichnenden und für die gesamtkoranische theologische Aussage sehr wichtigen Suren 1 und 112 sind dieser späteren Zusammenstellung nach bereits in der Früh-Mekkanischen Zeit geschaffen worden.

Die Fatiha, die Eröffnende, gibt dem Leser des Koran ein Gelöbnis vor und die Sure 112 ist das kompakte Programm eines strikten Monotheismus.
Dieser Rahmen der Religion Islam ergab sich also bereits in der allerersten Zeit islamischer Gläubigkeit.

Gemäß der heute immer noch wegen einer gründlichen Gesamtorientierung viel respektierten ursprünglichen Noeldekeschen Vorstellung, die mit der „Keckheit der Jugend“ (Formulierung Noeldekes über sich selbst) vielleicht doch manchen Geniegriff getan hat, spannt sich die medinensische Zeit auf zwischen der „Herabsendung“ der Sure 2 und der „Herabsendung“ der Sure 5.

In Sure 2 werden Speisegesetze gegeben, aber in ihr wird auch das Tieropfer in den Islam als einziger Offenbarungsreligion (wieder) eingeführt.
Auf der anderen Seite steht die Sure 5, in der am Härtesten gegen Ungläubige und Juden gewettert wird.

Besonders in dieser Sure 5 hat man das Gefühl, Mohammed fährt hier die Ernte seiner Lebenserfolge und seiner Glaubensverkündigung ein.

Dann gibt es eine dritte Einteilung der Zeitlichkeit, der „Herabsendungen“, die Friedrich Schwally 1919 veröffentlicht hat, damals schon alt und schwer krank.

Diese Variation kann möglicherweise die besten Gründe für sich ins Feld führen. 1919 kommt F. Schwally zur Konstatierung von fünf „Herabsendungs-Phasen“.

Noeldeke / Schwally

1. mekkanische Periode 1, 17-21, 50-56, 67-109, 111-114
2. mekkanische Periode 29-32, 34-39, 40-46
3. mekkanische Periode 6, 7, 10-16, 22, 23, 25-28
frühe medinensische Periode 2, 3, 8, 47, 58, 59, 61, 62, 64
späte medinensische Periode 4, 5, 9, 24, 33, 48, 49, 57, 60, 63, 65, 66, 110

Hier fällt auf, dass z. B. die Sure 5 an den Anfang der spät-medinensischen Zeit gesetzt wird.
Außerdem wird die Sure 13, mit den sehr weitgehenden Spekulationen über die Allmacht Allahs
nun nicht mehr zwischen Mekka und Medina angesiedelt, sondern sie befindet sich am Anfang der spätmekkanischen Phase.
Die Sure 1, die Fatiha dagegen steht am Beginn der frühmekkanischen Periode.
Die Sure 96, die die Mehrheitsmeinung der Islam-Gelehrten am Beginn aller Herabsendung sieht, steht hier am Ende der frühmekkanischen Periode.

Offensichtlich also erweist sich der Koran gegenüber westlicher Forschung als ein überaus „sperriges, vielgesichtiges Objekt“, so dass im Unklaren bleibt, welche der drei Zusammenstellungen die richtige ist.

Gegenwärtig halten wohl die meisten Koranexperten, wie z.B. der bekannte Koranübersetzer Rudi Paret, die zweite schwallysche Überarbeitung für die wahrscheinlichste.



Brunnen in Damaskus
Quelle: Bauernfeindmuseum, Sulz a.N.


 

Was aber nun den Inhalt betrifft:

Mehr als bei anderen Büchern hilft beim Koran der Index den Inhalt zu verstehen. Die einzelnen Themen werden in den Suren jeweils immer nur kurz berührt; dies geschieht in vielen Suren, aber es geschieht immer wieder unter einem etwas anderen Blickwinkel, sodass sich insgesamt doch ein vollständiger Blick auf ein Thema ergibt.
Allerdings:

Die Höchstbetonung der Wichtigkeit des Glaubens, der Aufruf auf dem Pfad Allah’s auch kriegerisch zu kämpfen, die tiefen Reserven, ja, der Hass gegenüber Andersgläubigen, die Androhungen der Hölle bei Beigesellung (Shirk) und Unglaube, das sind Leitmotive, die gleichlautend sich an sehr sehr vielen Stellen des Koran finden und sich zu einem Unisono eines Fanatismus zu ergänzen drohen, während eine historisch-kritische Auslegung, die bei „Herabsendung“ gegebene Situation berücksichtigt, für vieles nachvollziehbare Erklärungen liefert und so vor allem den Koran von seinem überzeitlichen Anspruch befreit.
Die berühmte kriegerische Sure 9, der als einzige Sure keine Basmalla vorangeht und deren Vers 9, 5 nach Ansicht der Mehrheit der islamischen Geistlichen ( Idschma ) viele -zig friedliche Verse des Koran abrogiert; diese Sure 9 hat Mohamed von einem Emissär in Mekka 630 n. C. , 8 n. H. ,quasi als Kriegserklärung verlesen lassen.
Unser Verein erkennt wohl, dass sie für diesen Zweck, nämlich den Mekkanern Angst einzujagen und sie schon ohne erneuten Waffengang zur Kapitulation zu bewegen, ein überaus wirksames Mittel war – zumal sie im Arabischen noch drohender klingt als in jeder Übersetzung.

Ja, Mohamed hatte damals Erfolg. Die Mekkaner haben nach Verlesung dieser Sure kapituliert. Ja, hier hat die Sure 9, dieses „Schrift-Rede-Stück des Koran“ , großes Blutvergießen verhindert.

Wir müssen aber feststellen: Seine überzeitliche Wirkung ist gerade das Gegenteil. Nicht nur die heute im Gazastreifen regierende Hamas beruft sich für ihre immer neuen Angriffe auf den übermächtigen Gegner Israel auf die kriegerischen Verse dieser Sure; auch für den „IS“ ist der Gesang des Verses 9,5 mit Naschids hinterlegt ein weltweit wirksames Werbungsmittel.

Petite derniere-vue

Natürlich haben sich nicht nur – wie man der bisherigen Darstellung entnehmen zu können meinen könnte—nur Deutsche solche zeitlichen Suren—Reihungen des Koran vorgelegt. So gibt es eine zeitliche Surenaufstellung schon von „Abdallah“ ( bei Masud) aus dem ersten Jahrhundert nach Hidschra. Es gibt auch eine solche von Ibn Masud selber.

In diesen beiden Listen fehlen die Suren 1, 113 und 114.

Dass diese beiden früh-islamischen Autoren 113 und 114 nicht aufgeführt haben, ist verständlich, haben diese beiden Suren doch eher magische Praktiken als Sujet und stellen damit einen Fremdkörper im Koran dar. Dass sie aber auch die Sure 1, die Fatiha, die „Eröffnende“ nicht aufgeführt haben, gibt Rätsel auf.

Bei Friederich Schwally in seiner Noeldeke Überarbeitung von 1919 lassen sich da Hinweise finden: „Der König am Tag des Gerichts“, was die dritte der sieben Zeilen der Fatiha darstellt, ist weniger eine islamische als eine genuin jüdische Formulierung. Auch die Tatsache, dass die Wendung;“ Dir dienen wir, zu Dir fliehen wir“ , was die vierte Zeile der Fatiha ist, mit dem Akkusativ konstruiert ist, macht zusätzlich auch diese Zeile zu einem im Koran auffallenden Findling.
Ohne die Fatiha aber, die sich wie angeführt doch vielleicht starken jüdischen Einflüssen verdankt, und immerhin von zwei wichtigen früh-islamischen Autoren nicht zum Koran gerechnet wird, wäre der Koran nicht der Koran. So wie bei der Hand der Daumen den übrigen 4 Fingern opponiert und sie erst dadurch zu dem genialen menschlichen BE-GREIF-INSTRUMENT geworden ist, so steht die Fatiha, die Gelöbnis, theologische Zusammenfassung und Anrede in einem ist, dem „Rest-Koran“ gegenüber und macht sie damit erst zu dem ergreifenden Buch, das der Koran für viele seit 1 1/2 Jahrtausenden war und auch heutzutage ist.